Login
Passwort vergessen?
Registrieren

Kanzlerkandidat Stoiber will "Killerspiele" verbieten


1 Bilder Kanzlerkandidat Stoiber will
Der Schock über den Amoklauf von Erfurt, bei dem gestern ein neunzehnjähriger ehemaliger Schüler 16 Menschen und sich selbst getötet hat, ist noch nicht verklungen, da nimmt die Politik wieder reflexhaft die üblichen Verdächtigen aufs Korn. Obwohl der Täter nach Angaben der Ermittler aus unauffälligen Verhältnissen stammt und überhaupt nicht geklärt ist, ob er Gewaltvideos und entsprechende Computer- oder Konsolenspiele konsumiert hat, fordert Edmund Stoiber,der Kanzlerkandidat der Unionsparteien bereits jetzt nach einem Verbot jugendgefährdender Videos und sogenannter "Killer-Computerspiele".
Gegenüber der Presse und auf einer Parteiveranstaltung der CSU erinnerte er an eine vor zehn Jahren initiierte und im Bundesrat gescheiterte Initatitive zum Verbot jugendgefährdender Videos und forderte erneut schärfere gesetzliche Regelungen um gewaltverherrlichende Medien zu verbieten und so eine "Intoleranz gegen Gewaltverherrlichung" aufzubauen!

HALLofGAMEs Meinung:
Noch vor einigen Tagen hätte ich mit vielem gerechnet, aber nicht damit, daß unser Hobby möglicherweise über das Stichwort "Innere Sicherheit" zum Wahlkampfthema werden könnte. Nach Erfurt ist es jetzt soweit, denn es steht wohl ausser Frage, daß im Kampf um die Macht auch Schröders Seite die Steilvorlage des Unions-Kandidaten annehmen wird.

Leider wird in dieser Auseinandersetzung genau das dominieren, was dem ernsten Hintergrund nicht zuträglich ist: Populismus pur! Einmal mehr wird man den billigsten Weg wählen, die falschen Fragen stellen und Verantwortung dahin abschieben, wo sie nicht hingehört. Es ist eben leider viel einfacher, den Menschen zu sagen, die bösen Medien sind schuld, anstatt sie an ihre eigene, tagtägliche Verantwortung zu erinnern und diese auch einzufordern! Wenn heute Kinder anderen gewaltsam Markenklamotten wegnehmen, Prügeleien nicht enden sondern erst richtig losgehen, wenn einer am Boden liegt oder eben ein durchgeknallter Schüler amokläuft, dann sind es Menschen, die diese Welt geschaffen und zu verantworten haben und nicht Spiele!

Ob hier oder in den USA, immer öfter hört man im Zusammenhang mit Amokläufern Aussagen wie "Ich will auch einmal berühmt sein". Obwohl ich ein Leben lang spiele, nie eine Welt ohne elektronische Unterhaltung kennengelernt habe, ist mir noch nie ein Spiel in die Finger gekommen, das den Wunsch des Spielers "berühmt" zu werden geweckt hätte! Und ich glaube nach wie vor, das stabile soziale Verhältnisse, das Gefühl ernstgenommen zu werden und für sich selbst einen Platz im Leben gefunden zu haben (oder eben leider nicht) wesentlich entscheidender für das Verhalten von Menschen sind, als die schlimmsten Videospiele es je sein können!

Nirgendwo auf der Welt haben Videospiele eine Gesellschaft stärker durchdrungen, als in Japan. Nirgendwo wird mehr Gewaltverherrlichung und Sexismus in Spielen geduldet, als dort. Doch gleichzeitig ist Japan weltweit das Industrieland mit niedrigsten Kriminalitätsquote! Folgt man den hiesigen Verfechtern der Meinung gewaltverherrlichende Filme und Spiele seien die Wurzel allen Übels, müsste Japan längst im Chaos versunken sein. Offenbar ist es aber nicht im Chaos versunken und man täte gut daran, statt billig auf Stimmenfang zu gehen, auch mal Realitäten zur Kenntnis zu nehmen. Das würde freilich für Unruhe und möglicherweise sehr unangenehme Ergebnisse sorgen, aber der bislang übliche Weg hat leider auch seinen Preis: Wer es sich wie unsere Politiker (und sicher auch viele wohlmeinende, aber nicht ausreichend mit der Materie vertrauten Eltern) so einfach macht wie bisher, und die Augen vor den wahren Mißständen verschliesst, hilft mit, daß es Erfurt immer wieder geben wird!

Quelle: www.netzeitung.de

e_gz_ArticlePage_UC_Spiele