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Hellblade: Senua's Sacrifice im Test: Erzählerischer Meilenstein - jetzt mit Testvideo

Ninja Theory geht neue Wege. Ihr neues Action-Adventure Hellblade: Senua's Sacrifice ist ein emotional erzählter und audiovisuell faszinierender Abstieg in die menschliche Psyche. Ob der Titel auch spielerisch überzeugen kann oder rein von seiner Atmosphäre lebt, erfahrt ihr in unserem Test.

9 Bilder Heldin Senua leidet unter einer schweren Psychose. Dennoch reist sie nach Helheim, um die Seele ihres Geliebten zu erlösen. Heldin Senua leidet unter einer schweren Psychose. Dennoch reist sie nach Helheim, um die Seele ihres Geliebten zu erlösen. [Quelle: PC Games]

Alle paar Jahre erscheint eines dieser ganz besonderen Spiele, die nicht (nur) den Geschmack der Massen bedienen, sondern das Medium Videospiel maßgeblich beeinflussen und sogar weiterentwickeln. In den letzten Jahren waren dies meist Indie-Titel, deren Entwickler keine Studiobosse im Nacken sitzen haben, denen die Mainstream-Tauglichkeit und damit der Profit am wichtigsten ist. Limbo von Playdead beispielsweise bot nicht nur knackige Puzzles, es thematisierte obendrein Verlust- und Kindheitsängste, hatte ein simples aber verstörendes Design und führte dem Spieler immer wieder den grausamen Tod des jungen Protagonisten vor Augen. Im Gegensatz zu diesem düsteren Spielerlebnis erzählte das Playstation-exklusive Journey eine mal traurige, mal wunderschöne Analogie auf das Leben und den Tod, ohne dass auch nur ein Wort gesprochen wurde. Beide Spiele zeigten, wie man komplexe Inhalte in einem Spiel verpackt, aber auch wie man die Eigenheiten des Mediums nutzen kann, um ganz eigene, fesselnde Erlebnisse zu bieten, die in einem Film oder einem Buch so nicht möglich wären.


Genau in diese Sparte stößt nun auch Ninja Theory mit Hellblade: Senua's Sacrifice. Das für Heavenly Sword, Enslaved: Odyssey to the West und DmC: Devil May Cry bekannte englische Studio entwickelte diesmal ohne einen Publisher im Rücken. Man wollte eine klassische Heldengeschichte in der nordischen Mythologie erzählen. Die Protagonistin sollte dabei aber kein hübsch geföhntes Model in schimmernder Rüstung sein, sondern eine vom Leid gebeutelte keltische Kriegerin mit einer Psychose. Man wollte ein überzeugendes Spiel abliefern, aber auch Aufmerksamkeit für psychische Erkrankungen generieren. Herausgekommen ist ein Titel, der spielerisch "nur" gut ist, in Sachen Erzählung und Atmosphäre jedoch neue Maßstäbe setzt.

Hellblade im Test: Kampf gegen sich selbst

      

Hellblade hält sich dabei nicht mit großen Erklärungen auf. Das Action-Adventure verzichtet sowohl auf Tutorials als auch auf eine Charaktereinführung. Wir treffen Protagonistin Senua erst kurz vor ihrer Ankunft in Helheim und bevor sie auch nur ein einziges Wort spricht, hören wir die Stimmen in ihrem Kopf. Wir empfehlen übrigens ausdrücklich, mit Kopfhörern zu spielen. Da der Sound mit binauraler 3D-Technik aufgezeichnet wurde, wird ein noch immersiveres Spielerlebnis erschaffen. Mit einer guten 5.1 Anlage bequatschen euch die Stimmen zwar natürlich auch von allen Seiten, doch mit Kopfhörern ist es fast wirklich so, als wären sie in eurem Kopf.

Die Stimmen tragen jedoch nicht nur zur Atmosphäre bei und werden als erzählerisches Element genutzt, um die Psychose Senuas umzusetzen, sie sind auch ein wichtiges Spielelement. Sie geben Ratschläge bei Rätseln sowie Kämpfen und offenbaren immer wieder Bruchstücke von Senuas Vergangenheit. Dennoch sollte man sich nie ganz auf sie verlassen. Oftmals verhöhnen sie Senua, lügen sie an, versuchen ihr Angst zu machen und Zweifel zu säen. Obwohl man die Hintergründe des Charakters erst später nach und nach erfährt, spürt man von Beginn an die Unsicherheit und innere Zerrissenheit des Charakters.


9 Bilder Senua hört nicht nur Stimmen, sondern hat auch immer wieder Visionen von bestimmten Menschen aus ihrer Vergangenheit. Senua hört nicht nur Stimmen, sondern hat auch immer wieder Visionen von bestimmten Menschen aus ihrer Vergangenheit. [Quelle: PC Games]
Neben den Stimmen in ihrem Kopf bekommt Senua auch immer Visionen und Flashbacks. Von einen auf den anderen Moment wird eine sonnige Lichtung mit Schatten überzogen, vormals kleine Schatten von Zweigen werden plötzlich zu den einzigen Lichtstrahlen. Hellblade ist audiovisuell schlichtweg überragend. Ob nun Sound, Art-Design oder einfach die hervorragende Performance von Senua-Darstellerin Melina Juergens - Ninja Theorys Action-Adventure ist ganz, ganz großes (Gefühls-)Kino. Man merkt, dass die Entwickler durch Enslaved schon Erfahrung mit einer emotionalen Story mitsamt glaubwürdiger Charakterentwicklung sammelten und bei DmC bereits ihr Talent für abstraktes Design bewiesen, aber auch, dass sie enorm viel Zeit in die Recherche für das Spiel steckten, um psychische Erkrankungen angemessen darzustellen.

Hellblade behandelt das Thema Psychose stets respektvoll, scheut aber auch niemals davor zurück, die ganz schlimmen Momente der Krankheit zu zeigen und somit ihre Protagonistin leiden zu lassen. Das Spiel ist unglaublich intensiv, fesselnd, teilweise sogar anstrengend. Es gelang wohl bislang noch keinem Videospiel so gut, den inneren Schmerz, die Verwirrung oder einfach die Gefühlswelt des Protagonisten so sehr auf den Spieler zu übertragen. Hellblade ist ein immersives Erlebnis, dass sich nicht scheut, den Spieler abzustoßen. Die Stimmen, die fehlenden Erklärungen, die Visionen - alles dient dazu, den Spieler noch mehr in Senuas Rolle schlüpfen zu lassen. Stellt man sich anfangs noch die Frage, ob das Abenteuer zumindest teilweise Realität ist oder doch alles nur in Senuas Kopf geschieht, ist dies schon bald egal. Für Senua ist dies die Realität und wir sind Senua.


9 Bilder Die Hintergründe der Geschichte werden anhand von Flashbacks erzählt. Die Hintergründe der Geschichte werden anhand von Flashbacks erzählt. [Quelle: PC Games]

Hellblade im Test: Getrübte Erinnerungen

      

Das immersive Spielerlebnis wird hier gekonnt mit der Story verwoben. Wir wissen anfangs nicht, was Senua genau in Helheim, dem Reich der nordischen Totengöttin Hel (im Spiel übrigens Hela genannt), überhaupt möchte und auch unsere Protagonistin scheint viele Dinge, die sie zu ihrem Ziel führten, zu verdrängen und manche Zusammenhänge gar vergessen zu haben. Diese ergeben sich erst später anhand von Flashbacks und Visionen. Senua hat sich das Ziel gesetzt, die Seele ihres Geliebten Dillion aus Helheim zu retten und, falls notwendig, Hela selbst zu entreissen. Wie es dazu kam, warum Senua glaubt, dies sei möglich, wie sie zu dem Menschen wurde, den wir im Spiel kennenlernen, ergibt sich erst später. Mehr möchten wir zur Geschichte an dieser Stelle auch nicht verraten, denn die Entschlüsselung der Story ist unfassbar packend und zieht einen nur noch mehr ins Spiel hinein.

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